geschichte

Juni 1972

Postulat eines Einwohnerrates zu Handen des Einwohnerrates mit der Aufforderung, Abklärungen für ein allfälliges Jugendhaus in Reinach zu veranlassen. – Gründung der gemeinderätlichen Kommission für Jugendfragen in Reinach.

1973 – 78

Arbeit der erwähnten Kommission. Die Verwirklichung der ausgearbeiteten Baupläne und Konzeptvorschläge scheitert am Widerstand verschiedener Kreise. In der Folge gründen einige Kommissionsmitglieder den Verein Freizeit und Jugend, der sich weiterhin um Bedürfnisse und mögliche Angebote im Bereich der Freizeitgestaltung Jugendlicher kümmern soll.

Feb’ 1980

Bewegung: 130 Jugendliche versammeln sich - die Jugendhausidee taucht wieder auf. Die Jugendlichen gründen den Verein mir wänn e Jugendhuus und treffen sich wöchentlich zu Vollversammlungen.

März 1980

In einer Unterschriftenaktion sprechen sich innerhalb zweier Wochen 3800 ReinacherInnen für ein Jugendhaus aus. Die Unterschriften werden dem Einwohnerrat überbracht. In der Folge unterstreichen die Jugendlichen ihre Forderung immer wieder mit Festen, Podiumsdiskussionen und verschiedenen Aktionen, darunter die spektakuläre Trämlibesetzung.

Sept’ 1980

Gründung des Fördervereins, der sich zum Ziel setzt, die Jugendlichen in ihren Bemühungen zu unterstützen.

Jan’ 1981

Konstituierung der gemeinderätlichen Kommission Freizeitangebot für Jugendliche. Dies auf Grund des Postulates zweier Einwohnerräte, in welchem der Gemeinderat aufgefordert wird, die Forderung des Vereins mir wänn e Jugendhuus zu überprüfen und möglichst schnell Lösungen zu suchen.

Feb’ 1981

Erster Geburtstag des Jugendvereins: grosses Fest mit 800 BesucherInnen. Weitere Aktionen wie Zeltwochenende, Lagerfeuer im Dorf, Bewegungszeitung...

Aug’ 1981

Der Verein mir wänn e Jugendhuus stellt zwei angehende Sozialpädagogen an, um Unterstützung in seinen Forderungen zu erhalten.

Sept’ 1981

Nach Ablehnung verschiedener Varianten durch den Gemeinderat und seinem Standortvorschlag Sternenhof, fordern die Jugendlichen ein Provisorium mit der anschliessenden Besetzung eines alten, leerstehenden Fabrikgebäudes. Der Gemeinderat erstattet Anzeige wegen Einbruchs und Sachbeschädigung.

Nov’ 1981

Der Einwohnerrat fällt einen Grundsatzentscheid für ein Jugendhaus, indem er die Sternenhofparzelle umzont.

Jan’ 1982

Auftrag der Kommission an den Jugendverein: Erarbeiten von Bauplänen und Konzept in Zusammenarbeit mit dem Förderverein, Sozialpädagogen und dem seit Herbst mitarbeitenden Architekturlehrer.
Es folgt ein Jahr mit vielen Stunden gemeinsamer Diskussionen, Planungen, Streitereien, politischen Kämpfen und Vorstössen bis die endgültige Vorlage endlich steht.

Aug 1982

Openairfestival auf dem zukünftigen Jugendhausgelände.

Annahme der Vorlage durch Einwohnerrat und Volksabstimmung. Spatenstich und Baubeginn. Provisorischer AJZ-Betrieb (Autonomes Jugend-Zentrum) in der Baubaracke.

Feb 1984

Anstellung zweier SozialarbeiterInnen in Teilpensen. Weiteraufbau unter Mithilfe Jugendlicher. Provisorischer Betrieb in der Baubaracke und im Rohbau trotz grossem politischem Widerstand.

Juli 1984

Anstellung eines weiteren Sozialarbeiters.

Dez 1984

Eröffnung des Palais noir.

2014

hat der Historiker Aleksandar Zarić ausführlich über das Palais noir im Kontext der 80er-Jugendbewegung geforscht, über die zehnjährige Entstehungsgeschichte der kommunalen Jugendpolitik, die anfänglich experimentelle Jugendarbeit und die partizipative Jugendkultur. Seine Ergebnisse mündeten in einer Ausstellung im Heimatmuseum Reinach im Frühjahr 2015 und wurden unter dem Titel Politik, Protest und Palais noir publiziert. Die gedruckte, 50-seitige Broschüre ist im Stadtbüro der Gemeinde Reinach erhältlich.

Jugendbewegung, Autonomie-Diskussion und politische Auseinandersetzung

Die eigentliche Entstehungsgeschichte des Palais noir dauerte also knappe fünf Jahre: Für politische Prozesse eine sehr kurze – für die beteiligten Jugendlichen eine ungemein lange Zeitspanne. So bevölkerten anfangs des ersten Normalbetriebes praktisch keine Gründungsmitglieder des Jugendvereins mir wänn e Jugendhuus mehr das Jugendhaus, welches sie sich so engagiert erkämpft hatten. Trotzdem: Der persönliche Profit durch das Erleben der praktischen Solidarität war für alle Beteiligten in dieser Jugendbewegung enorm.

Die Entstehungsgeschichte des Palais noir war aber trotzdem im Haus präsent. Die erste BenutzerInnengeneration war durch Jugendbewegung, Autonomie-Diskussion und politische Auseinandersetzung sehr geprägt. Widerstand, aber vor allem auch sehr viel Kreativität und Aktivität waren angesagt. Diese zeigte sich insbesondere in einer sehr aktiven Konzertgruppe, welche das Palais noir als Konzertort national bekannt machte.

nur einige Konzertrosinen aus dieser Zeit:

Stephan Eicher, Jango Edwards, Züri West, Stevens Nude Club, Arhoolies, Limit, Oscar Klein, Slickaphonics, Jellyfish Kiss, Thomas Moeckel, Die Aerzte, Frostschutz, Chain of Command, Rondeau, The Vyllies, Touch el Arab, Der böse Bub Eugen, Lombego Surfers, . . .

Wöchentliche Vollversammlungen (VVs), autonome Zeiten, Selbstbedienung im Restaurationsbetrieb und die freie Zugänglichkeit zu sämtlichen Räumen zeigte klar die Anlehnung an und die Beeinflussung durch die gemachten AJZ-Erfahrungen. Diese Betriebsform provozierte mitunter ebenso provokante Reaktionen des Gemeinderates, was in den ersten Betriebsjahren immer wieder zu heftigen und unschönen Auseinandersetzungen und Machtkämpfen führte.

Die folgende Punkbewegung mit ihren auffällig aussehenden BesucherInnen verleitete viele Aussenstehende zu massiven Fehleinschätzungen gegenüber dem Palais noir. Das Palais noir war kurze Zeit die Hochburg der Punkkonzerte in der Region, da Auftrittsmöglichkeiten für Bands trotz Hirscheneck und Kaserne sehr spärlich waren. Eine unserer Erfahrung nach völlig grundlose Angst vor Alkohol und Gewalt hielt viele Veranstalter von der Durchführung solcher Konzerte ab. Das Palais noir erlebte viele tolle Konzerte, organisiert und durchgeführt von einer aktiven und kompetenten Konzertgruppe, welche als StammbesucherInnen auch im täglichen Betrieb eine tragende Funktion übernahmen.

Ende der 80er änderten sich langsam Musikstil wie auch die Besucherschaft. Heavy war nun vermehrt die Backgroundmusik und auch einige Monsterkonzerte mit bis zu fünf Bands gingen über die Bühne. Das Autonomie-Bedürfnis verblasste etwas, autonome Zeiten wie auch Vollversammlungen blieben aber immer noch institutionalisiert.

Anfangs 90er fand ein konfliktreicher Wechsel bei der Besucherschaft statt. Die "Alten" hatten sich gemütlich in "ihrem" Palais eingerichtet und fühlten sich primär zu Hause. Eine grössere Gruppe von vorwiegend italienischen, spanischen und griechischen Jugendlichen entdeckte das Palais als Freizeitraum, da "ihr" Freizeittreff, ein Spielsalon, die Alterslimite hinaufsetzte. Sie stürmten das Palais noir lautstark und füllten es mit neuer Musik und Aktivitäten.

Auseinandersetzungen, VV's, Ablösung von älteren BesucherInnen führten zu einem friedlichen Neben- und auch Miteinander. Breaker, Dancer, Hip Hop und Rap waren neue Stichworte für gelebte Jugendkultur. Die autonomen Öffnungszeiten wurden vorübergehend sistiert, die Vollversammlungen fanden meist nur noch auf Initiative und nach Einladung der Sozis (Sozialarbeiter) statt. Das Palais noir wurde intensiv genutzt. Zentral wurde die Werkstatt, in welcher geschickt und kompetent Metallschrott zu funktionierenden Töfflis umgebaut wurde.

Die nur noch vereinzelt durchgeführten Konzerte waren erfolgreich, obwohl die Stammbesucherschaft diese Konzerte kaum besuchte. Tekkno und Partys hielten Einzug. Daneben gab es eine Gruppe mit ausdauernden Dancern, welche regelmässig trainierten.

Neben der Werkstatt wurde auch das gesamte Spielangebot intensiv genutzt. Die ersten BesucherInnen aus der Türkei, aus Bosnien, Serbien und Kroatien besuchten das Jugendhaus. Später kam eine Gruppe aus Kosova dazu, so dass das Jugendhaus zu einem spannenden und friedlichen multikulturellen Treffpunkt wurde.

Die veränderte Arbeitsmarktsituation machte sich Mitte der 90er Jahre bemerkbar. Das Thema Arbeit gewann an Bedeutung und Unterstützung durch die Sozis war gefragt. Ende 1997 integrierten die Sozis ein umfassendes Sachhilfeangebot im Palais noir: PC-Arbeitsplätze, Sachbücher, Informationsmaterial, Prospekte von Fachstellen, etc. Dieses Angebot wurde ein wichtiger Bestandteil in der Infrastruktur des Palais und zugleich ein wichtiges Arbeitsinstrument für die Sozis in der Beziehungsarbeit.

Als Hintergrundmusik etablierte sich vorwiegend House, zwischendurch auch Rap oder Volksmusik und Musik aus den verschiedenen (Heimat-)Ländern. Dancers trainierten weiterhin und regelmässig auf dem schwarzen Boden.

Anfang des neuen Jahrtausends wurden die autonomen Zeiten wieder eingeführt, mit Vertrag, Schlüsseldepot und einem Pikett-Dienst durch einen Sozi. Da sich aber für diese verantwortungsvolle Aufgaben bald niemand mehr finden liess, schliefen die autonomen Öffnungszeiten nach einem Jahr vorübergehend wieder ein. Die Versuche und Phasen mit dem autonomen Schlüssel sollten sich in den folgenden Jahren mit dem wechselnden Publikum stets wiederholen.

Dem im November 1999 erfolgreich eingeführten, regelmässigen Mädchentag folgte nach immer zäherem Verlauf das Aus gut zwei Jahre später. Mit dem Einzug neuer Besucherinnen war kein Bedürfnis nach separaten Öffnungszeiten mehr vorhanden. Die explizite Genderarbeit der Palais-Jugendarbeiterinnen konzentrierte sich seither auf regionale Mädchen-Projekte wie das Mädchenforum, Leben in zwei Welten (später: Leben in X Welten), GirlsPoolNight im Sonnenbad, Mädchen-Döggeliturniere; wovon heute nur noch die Mitarbeit in der Projektgruppe X Welten mit der jährlichen GirlsPoolNight aktuell ist.

Viel Erfolg war der im Frühjahr 2000 gestarteten Kidsdisco für 13- bis 16-Jährige beschieden. Als Palais-Disco und später als Palais-Party hatte sie sich als monatliche Veranstaltung und mit einer Besucherzahl zwischen 100 und 200 während über sieben Jahren etabliert und bewährt. Organisiert und durchgeführt wurden diese Partys von einer sehr aktiven und zuverlässigen Party-Gruppe, die sich entsprechend den Wechseln in der Palais-Besucherschaft selber auch immer wieder verjüngte und erneuerte.

War das multikulturelle Durcheinander in den vergangenen Jahren zum Teil noch von Reibereien und auch handfesten Auseinandersetzungen geprägt (erinnert sei an die Konflikte zwischen Türken und Kurden), nisteten sich mit der neuen Besucher-Generation im Sommer 2001 ganz selbstverständlich Secondos, Schweizerinnen und Ausländer aus allen möglichen Gegenden der Welt im Palais noir ein. Die Nationalität ist in den Hintergrund gerückt und hat persönlichen Beziehungen Platz gemacht. Gemeinsam verbrachte man seine Zeit im Jugendhaus, bei Kartenspielen, am Mädchentag, engagierte sich in der Disco-Gruppe oder breakte zusammen. Der Schnellphoto-Automat, der während vier Jahren im Palais noir stand, füllte viele Portemonnaies mit Passfotos von Freundschaften in dieser Zeit.

Mit dem Ende der analogen Zeit und der technischen Entwicklung verschwanden nicht nur die Passfoto-Streifen, der 16mm-Filmprojektor und die Dunkelkammer aus dem Palais noir. Ebenso mussten die Musik-Cassetten (für ein paar Jahre) den CDs weichen (bevor diese wiederum den MP3-Dateien Platz machten), auch der Münzbehälter des Telefon-Automaten im Eingang blieb seit dem Aufkommen von Handys und Smartphones praktisch leer. - Erinnert sich noch jemand an die Wurlitzer-Jukebox mit den 45/min-Singles im Palais noir? Oder an den besagten Telefon-Automaten?

Im 2002 wurde das Jugendhaus Palais noir volljährig. Politisch war es nun endgültig akzeptiert, in der Bevölkerung etabliert. Die JugendarbeiterInnen begannen damit, alljährlich die 14 Jahre alt werdenden Jugendlichen Reinachs und deren Eltern direkt anzuschreiben und sie auf die Angebote des Jugendhauses aufmerksam zu machen. Ziel war, dass das Haus von möglichst vielen und verschiedenen jungen Leuten gebraucht würde. Jungbürgerfeiern, Partys, Konzerte, später auch das Angebot an die Lehrkräfte mit ihren Sekundarklassen die Institution Jugendhaus zu nutzen, ergänzten diese Bemühungen.

Das Team des Palais noir zeichnete sich durch ausserordentliche Konstanz aus. Während Jahren wechselten nur die Praktikantinnen oder Auszubildenden. Freude an der immer wieder von neuem spannenden Arbeit mit Jugendlichen und dem Team entgegengebrachtes Vertrauen und Unterstützung durch die Reinacher Verwaltung und politischen Instanzen waren (und sind) wohl die Hauptgründe dafür. Im 2004 stand jedoch wieder einmal ein Wechsel an: nach 14 Jahren verliess eine Jugendarbeiterin das Team. Zudem übernahm ein weiteres Teammitglied neben der Arbeit im Jugendhaus die neu geschaffene Stellen eines Jugendbeauftragten der Gemeinde Reinach und für nachschulische Sozialarbeit. Die Änderungen lösten Diskussionen aus um die Leitung des Jugendhauses durch ein Team, einer weiteren, beinahe anachronistischen Spezialität des Palais noir. Die Gemeinde akzeptierte die ablehnende Haltung des Teams einer Stellenleitung gegenüber, es blieb bei der bewährten Form eines Leitungsteams.

Mitte der Nullerjahre wechselte die Besucherschaft erneut, aber nicht mehr quasi „en bloc“ als Generationenwechsel wie das bisher geschah: der Übergang vom bisherigen zu neuem und jüngerem Publikum verlief fliessender und auch toleranter. Heterogen in Geschlecht und Alter nutzten verschiedene Gruppen das Haus mit- und nebeneinander als Treffpunkt, zum Chillen, Reden, Spielen, Musikhören, Tanzen.

Die Sachhilfe blieb ein wichtiger Teil der Alltagsarbeit, Hilfe beim Schreiben von Bewerbungen, einzelne psychosoziale Begleitungen, aber auch der Umgang mit PC, Internet und den sozialen Netzwerken (sörf suuber).
Ab 2006 wurde das Rauchen ein Thema und heftig diskutiert. Im Haus wurde das Paffen immer mehr eingeschränkt - bis hin zur vollständigen Rauchfreiheit drinnen im Mai 2010. Ein Thema blieb es jedoch weiterhin, genauso wie Alkoholkonsum, Kiffen und andere psychoaktive Substanzen die Arbeit mit Jugendlichen wohl immer begleiten werden.

Vermehrte Zusammenarbeit mit anderen Institutionen, Aktivitäten auch ausserhalb des Hauses und verstärkte, auch präventive Vernetzung mit weiteren Fachstellen öffneten die Jugendarbeit des Palais noir weiter. Jugi-Nights gemeinsam mit dem VoJA (Verein offene Jugendarbeit, heute: OKJA), Unterstützung der Reinacher Jugendkommission z.B. bei deren deciBL-Events, der Jung, ja und?-Anlass im Zentrum, Jungbürger-Feiern mit umliegenden Gemeinden, Gastgeber für das Poligroove der Polizei BL, Präsenz am Reinacher Stadtfest, Midnight-Sports samstags in den Wintermonaten, usw. waren Ergebnisse davon.

Ein Auslöser zu diesem Ausbrechen aus den Jugendhaus-Mauern war wohl auch die wachsende Unverbindlichkeit bei der immer jüngeren Besucherschaft. Die neuen Kommunikationsformen (Handy, Festzeit, Facebook) begannen sich auf das Besucher- und Ausgangsverhalten der Jugendlichen auszuwirken. Nicht zufällig schliefen die Palais-Partys mangels verbindlicher Mitarbeit von Jugendlichen im Winter 2007/ 08 ein. Die JugendarbeiterInnen reagierten auf diese Baisse an Lust zur Mitgestaltung und etwas selber Bewirken wollen, und auf die Flaute an aktivem Publikum mit Visionen und Ideen zu einem Lebensraum Palais noir. Die Pläne für eine gemeinsame Betriebsführung und für vermehrte Partizipation verschwanden jedoch wieder in der Schublade, als in den Jahren 2009/ 10 eine neue, lebendige Gruppe 13-, 14-Jähriger ins Palais noir kam.

Durch die Reinacher Reform und die damit verbundenen Umstrukturierungen ging eine rund zehnjährige Zeit der Doppelunterstellung des Palais noir in zwei Departementen zu Ende: Während der Betrieb fachlich schon immer dem Bereich (Bildung,) Kultur und Freizeit angegliedert war mit der Betriebskommission als Vorgesetzte, war das Team personell der Leitung Bereich Soziales unterstellt. Seit 2009 gehört das Palais noir nun zum Ressort Kultur und Begegnung.

Mit dem Umbruch und der Auflösung der fast seit Anfang existierenden Betriebskommission wurde auf Ende 2011 neu eine begleitende Fachkommission ins Leben gerufen. Sie soll Arbeit und Haltung des Teams auf allen Ebenen kritisch diskutieren und strategische Fragen bereichernd reflektieren.

Im Dezember 2009 feierte das Palais noir sein 25jähriges Bestehen, was mit einem grossen Fest begangen wurde. An dessen Organisation beteiligten sich VertreterInnen der verschiedenen Palais-Generationen und selbst die Bands der ersten Palais-Stunde gaben sich nochmals die Ehre. Es wurde zu einem Schwelgen in Erinnerungen und ein Hauch von Nostalgie schwebte während zweier Tage im Palais noir. Das Vierteljahrhundert Palais noir war auch Anlass auf eine lange Zeit erfolgreicher Jugendarbeit in Reinach zurückzublicken, woraus eine Videodoku entstand, welche auf DVD kostenlos im Palais noir erhältlich ist.

Eine Ära ging im Sommer 2011 zu Ende, als „Papa“ Ueli nach 30 Jahren das Palais noir verliess, um sich die letzten Jahre vor seiner Pensionierung noch ganz seiner Aufgabe als Jugendbeauftragter und Zuständiger für die nachschulische Sozialarbeit der Gemeinde Reinach widmen zu können. Ehemalige BesucherInnen der gesamten Palais-Vergangenheit sowie VertreterInnen der Gemeinde verabschiedeten ihn mit einem grossen Fest (so long, Hasi!).

Die Vernetzung und Zusammenarbeit mit anderen Fachleuten wurden in den folgenden Jahren weiter intensiviert. So werden regelmässige Kontakte mit den SchulsozialarbeiterInnen, mit den Schulen, mit der Jugendpolizei der Gemeinde, mit dem Wohnheim für Asylsuchende und weiteren Institutionen gepflegt.

Auch die Initiierung von und die Mitarbeit bei soziokulturellen Projekten verstärkte sich. So war das Team von Beginn an bei einem Mehrgenerationenprojekt der Gemeinde dabei, aus dem heraus die Drehscheibe Mischeli entstand (seit Sommer 2015). Zusammen mit der Musikschule Reinach wurde ein Musikmarkt lanciert. Unter der Affiche musique noire organisierte das Team während einiger Zeit am Donnerstag Abend kleine, feine Konzerte. Ein grösseres Projekt war der Anbau eines Balkons an der Nordseite des Jugendhauses, den ein Soziokultureller Animator i. A. initiierte und mit der Hilfe von Jugendlichen, des Teams, befreundeten Holzbauexperten und sogar des damaligen Jugendpolizisten im 2012 vollendete. Auch die gleich danach begonnene Instandstellung eines alten Baustellenwagens entwickelte sich zu einer grösseren, langwierigen Sache. Seit dessen Einweihung im Herbst 2015 wird der schmuck renovierte Bauwagen vom Jugendhaus zur Teilnahme und Präsenz an der Reinacher Fasnacht oder bei Stadtfesten usw. genutzt.

Von Anfang an arbeitete das Jugendhausteam beim Projekt eines Kultur- und Begegnungszentrums an der Idee eines Jugendraumes mit. Im September 2017 wurde mit dem Treffpunkt Leimgruberhaus auch das junge büro eröffnet. Leider musste dieses im Zuge von Sparmassnahmen der Gemeinde Ende 2020 wieder geschlossen werden.

In den vergangenen zehn Jahren akzentuierten sich die Schwankungen in den Besucherzahlen des Jugendhauses immer mehr. Waren es früher eher kurze Zeiten der Leere, meist zwischen den "Generationenwechseln" der jugendlichen Besucherschaft, so gab es nun vermehrt auch längere, unbefriedigende Perioden, in denen die Räumlichkeiten von der Zielgruppe nur sehr bescheiden genutzt wurde. Immer wieder füllte sich das Haus zwar wieder mit unterschiedlichsten Gruppen Jugendlicher, wurde intensivst genutzt, auch autonom und selbstständig, war es laut, fröhlich, erfüllt mit Leben. Es kamen vermehrt jüngere Kinder, gleichzeitig waren Gruppen junger Erwachsenen präsent, manchmal waren fast gleich viele Mädchen wie Jungen im Haus, eine Weile spielten fast 20 UMAs (unbegleitete minderjährige Asylsuchende) Billard und Döggeli: die Besucherschaft wurde sehr vielfältig, auffallend tolerant und offen, manche bedürftig, treu und gleichzeitig unverbindlicher.

Wenn sie denn kamen! Das unstete, oft unerklärliche Auf und Ab der Besucherzahlen zwang das Jugendhausteam über die Bücher zu gehen, die eigene Arbeit zu reflektieren, die bisherige Idee "Jugendhaus" zu hinterfragen. Digitalisierung, die Auswirkungen sozialer Medien und der Umgang mit den Smartphones, der Strukturwandel in der Arbeitswelt, eine immer individualistischere und pluralistischere Gesellschaft, der Einfluss betriebswirtschaftlich-orientierter Managementmethoden auf die Entwicklung der Sozialen Arbeit: das Team war gezwungen, sich mit all dem intensiv auseinanderzusetzen. Unter anderem führte dies in einem Arbeitsseminar 2014 zur Entwicklung unseres 4-Säulen-Modells. Auch die Idee zur Durchführung einer Forum-Veranstaltung im Spätherbst 2016 entstand aus dieser Auseinandersetzung. "Palais – von aussen" sollte helfen gesellschaftliche Entwicklungen zu identifizieren, neue Perspektiven für die offene Jugendarbeit zu entwickeln und durch eine Aussensicht neue Impulse zu erhalten.

Änderungen und auch personelle Wechsel im Team stellten einmal mehr auch die Form, Vor- und Nachteile eines Leitungsteams in Frage. Aus all diesen Unsicherheiten und Überlegungen heraus wurde ein Team- und Organisationsentwicklungsprozess begonnen. So wurde ein neues Konzept für das Jugendhaus und die Arbeit des Leitungsteams erarbeitet. Die Planung der Gesamtsanierung des in die Jahre gekommenen Gebäudes und seiner technischen Installationen, die eine mehrmonatige Schliessung des Jugendhausbetriebes im Sommer 2020 unabdingbar machte, personelle Abgänge im Team, die wegen Sparrunden der Gemeinde nicht ersetzt werden konnten und nicht zuletzt Corona stoppten diesen Organisationsentwicklungsprozess jedoch bzw. führten zu einer neuen Situation. Seit Beginn 2021 wird das Jugendhaus von einer Stellenleitung geführt, das Konzept eines Leitungsteams ist definitiv Geschichte.

Der vorliegende geschichtliche Abriss ist grösstenteils Erinnerungsprotokoll - willkürlich und unvollständig. Anregungen und Ergänzungen nehmen wir jederzeit gerne entgegen.

Weiteres Bildmaterial querbeet durch die Palais-Geschichte unter Galerie.

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