"Ich gestalte den Wald für die nächsten 100 Jahre"

01.10.2019

Wer am Langrüttiweg steht und in den Wald blickt, sieht, dass hier bereits einige Fichten geschlagen und Sträucher entfernt wurden. Im Winter müssen die kranken Buchen gefällt werden. Revierförster Christian Becker erklärt warum.

Christian Becker, der Wald in Reinach verändert sich zurzeit stark, manchmal werden an einem einzigen Tag viele Bäume auf einem einzigen Flecken gefällt. Warum ist das so?
Mir ist bewusst, dass die Bevölkerung nicht immer nachvollziehen kann, warum wir manchmal rigoros eingreifen. Ich entscheide da pragmatisch. Wenn an einem Ort mehrere Bäume erkrankt sind und aus Sicherheitsgründen gefällt werden müssen, trifft es hin und wieder auch einen gesunden Baum, weil er die nötigen Arbeiten behindert. Natürlich könnte man einfach die angeschlagenen Bäume so lange stehen lassen, bis sie von alleine kippen. Aber dann müssen wir aus Sicherheitsgründen bald den ganzen Wald sperren. Auch um die Forstwarte zu schützen, ist es besser, die dürren Bäume zu fällen, bevor sie eine grosse Gefahr für die Arbeiter darstellen.

Was ist der Grund, warum zurzeit so viele Bäume gefällt werden?
Zum einen müssen wir beispielsweise die Fichten fällen, wenn sie vom Borkenkäfer befallen sind. Durch die Klimaerwärmung fressen sich die Käfer früher im Jahr ungehindert in die Rinde, vermehren sich und breiten sich aus. Eigentlich würde der Baum mit Harz auf die Löcher in seiner Rinde reagieren, aber durch den Wassermangel produziert er keines. Der Borkenkäfer-Nachwuchs verhindert den Transport des wenigen vorhandenen Wassers nach oben in die Kronen, weil er sich quer durch das wasserleitende Holz frisst. Und so stirbt der Baum allmählich ab. Interessanterweise gehen die Käfer übrigens systematisch vor: Sie befallen den gleichen Baum und verteilen sich nicht einfach auf alle Bäume. Warum das so ist, wissen wir nicht.

Warum setzt die Klimaerwärmung auch den Buchen derart zu?
Der Buche ist es schon bei durchschnittlich zwei Grad plus zu warm und zu trocken. Regnet es beispielsweise im Frühling zu wenig, dringt kein Wasser bis in die tiefen Wurzeln. Bevor der Baum vertrocknet, wirft er zu seinem eigenen Schutz dann zunächst die Blätter in der obersten Krone ab. Doch damit verdorrt gleichzeitig der oberste Kronenteil. Danach passiert dasselbe mit dem nächsten Kronenteil und so stirbt der Baum allmählich von oben herab. Das Problem ist, dass diese trockenen Äste ohne Vorwarnung herunterfallen können und im schlimmsten Fall jemanden verletzen. Darum ist beim Waldbesuch immer auch ein wachsames Auge und zwischendurch ein Blick nach oben nötig. Hinzu kommt das Absterben des Baumes durch den Stamm: Da die Buche eine Schattenbaumart ist, hat sie zuviel Sonneneinstrahlung nicht so gern und reagiert mit einem Sonnenbrand. Dann blättert die Rinde ab und es können sich Pilze breitmachen, die das Holz abbauen und so ihrerseits zum Absterben des Baums beitragen.

Welche Aufgaben soll unser Wald erfüllen?
Der Wald wird bei uns vor allem als Erholungsraum und Rohstofflieferant genutzt. Er ist als Lebensraum aber auch für die Artenvielfalt von Flora und Fauna wichtig. Auch als Staubfilter hat er eine wichtige Funktion für die Umwelt und letztlich beeinflusst er auch das Klima positiv. Die Bürgergemeinde als grösste Besitzerin des Waldes, in deren Auftrag ich arbeite, wird daran festhalten wollen. Für uns Förster heisst das, dass wir eine gesunde Balance zwischen den verschiedenen Bedürfnissen finden müssen.

Wie kann das gelingen?
Wenn wir das Ziel haben, die Funktionen des Waldes, wie wir sie heute kennen, zu erhalten, müssen wir uns heute überlegen, welche Strategien wir verfolgen, um einen gesunden Baumbestand für die nächsten Generationen zu erhalten. Die Bäume, die hier stehen, sind bis zu 150 Jahre alt. Sehr alte Buchen beispielsweise, die an idealen Standorten stehen, sind besonders anfällig für schädliche Einwirkungen. Einerseits ist junges Holz resistenter, vergleichbar einem jungen gesunden Menschen gegenüber einem alten gebrechlichen Menschen, der einfach stärker und standfester ist. Andererseits haben die Bäume mit Idealstandorten nie ums Überleben kämpfen müssen und wenn die Klimaeinflüsse nun für die Bäume dermassen fordernd sind, haben sie keine Idee, wie sie sich schützen können. Daher ist meine Strategie heute für die Entwicklung des Waldes, dass wir verschiedene Jungbäume nahe beieinander pflanzen und dann in ein paar Jahren und Jahrzehnten schauen, welche Arten sich durchsetzen können. Ich baue heute den Wald für die nächsten 100 Jahre. Das heisst gleichzeitig auch, wenn ich den Wald verjüngen will, dann dürfen künftig die Bäume nicht mehr älter als 100 Jahre alt werden.

Was bedeutet das konkret?
Durch den Klimawandel müssen wir zurzeit stärker in den Wald eingreifen, Bäume fällen und Jungpflanzen setzen. Die Mehrarbeit und die zusätzlichen Pflanzen kosten Geld, das heute nicht vorhanden ist. Die Kosten müssten eigentlich zu je einem Drittel von Bund, Einwohnergemeinde und Bürgergemeinde getragen werden. Ganz konkret: Wenn pro Person und Monat vier Franken gezahlt würden, könnten wir die Kosten decken. Das bedeutet monatlich auf einen Kaffee zu verzichten. Aber natürlich muss man das als Ganzes betrachten und dann sind das doch hohe Kosten. Hier ist die Politik gefordert. Als Förster sehe ich die Dringlichkeit: Wir brauchen das Geld heute, nicht erst morgen.

Wie geht es nun weiter?
Im Wald am Langrüttiweg werden wir im Winter die dürren Buchen fällen müssen. Bis dahin haben wir hoffentlich das Holz der bereits gefällten Fichten verkauft, das übrigens in dem Zustand meist nur noch als Brennholz zu einem Spottpreis verkauft werden kann. Oder wir exportieren es nach China, wo daraus Essstäbchen gemacht werden. Für mehr taugt dieses Holz leider nicht mehr.

Durch die Trockenheit werden die Rinden der Buchen beschädigt und von einem Pilz befallen, der den Baum zerstört.
Durch die Trockenheit werden die Rinden der Buchen beschädigt und von einem Pilz befallen, der den Baum zerstört.
Der Förster setzt verschiedene Jungpflanzen und schaut in ein paar Jahren, welche sich durchsetzen konnten.
Der Förster setzt verschiedene Jungpflanzen und schaut in ein paar Jahren, welche sich durchsetzen konnten.

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